Das 4. Lichtlein brennt

Ich kann kaum fassen, wie schnell dieses Jahr vergangen ist. Am heutigen Abend, dem 4. Advent, schaue ich noch einmal in aller Ruhe auf die vergangenen Monate zurück.

Im Januar wurde ich erstmals wieder mit starken Erschöpfungssymptomen arbeitsunfähig geschrieben, nachdem ich mir – vor allem beruflich – erneut zu viel zugemutet hatte. Die Chefin im Seniorenheim ist im Grunde ein netter Mensch, aber leider keine gute Führungskraft. Sie wusste, dass ich in meinem vorherigen Job einen Burnout erlitten hatte und deshalb nicht mehr in meinem Beruf als MFA arbeiten kann. Trotzdem wurden mir nach und nach immer mehr Aufgaben übertragen – von ihr ebenso wie von Kolleg:innen. Und wieder gab es jene, die sich vermutlich insgeheim darüber amüsierten, dass ich erneut „dumm genug“ war, ihre Arbeit zusätzlich zu meiner eigenen zu erledigen. Ich habe erneut auf Kosten meiner Gesundheit weit über meine Kapazitäten hinaus funktioniert. Und wieder habe ich nicht rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Im Februar arbeitete ich zunächst wieder normal, bis zwei Ereignisse auf der Arbeit zusammenkamen, die mir endgültig den Boden unter den Füßen wegzogen. Der Pflegedienstleiter gab seine Position auf, um wieder als Pflegekraft – überwiegend im Nachtdienst – zu arbeiten. Eine neue Pflegedienstleitung musste also gefunden werden. Die Chefin übernahm daraufhin die Schichtplanung und wollte mir sage und schreibe drei Wochenenddienste aufhalsen. Bei meiner Bewerbung war von „gelegentlich mal ein Wochenende im Monat“ die Rede gewesen.

Wenn ich Wochenenddienst hatte, lief es zudem meist so ab, dass sich eine oder mehrere Pflegekräfte kurzfristig krankmeldeten – auffallend oft jüngere Kolleg:innen ohne Familie, aber offenbar mit einem ausgeprägten Sinn für Partys. Betreuung im eigentlichen Sinne konnte ich an diesen Wochenenden kaum leisten, stattdessen sprang ich für fehlende Pflegekräfte ein. Ich habe jedoch keine pflegerische Ausbildung, ich bin MFA, keine Krankenschwester und keine Pflegefachkraft. Das schien niemanden zu interessieren, solange alle Bewohner:innen ihre Mahlzeiten erhielten und einigermaßen versorgt waren. Ab und zu helfend einzuspringen ist für mich kein Problem – komplette Pflege zu ersetzen jedoch sehr wohl.

Es kam, wie es kommen musste: Ab März fiel ich erneut aus. Burnout und Depressionen kehrten mit voller Wucht in mein Leben zurück.

Um dem Sog der Depression entgegenzuwirken, begann ich ein Antidepressivum einzunehmen und suchte verschiedene Fachärzt:innen auf, um nichts unversucht zu lassen. Der HNO konnte keine Schlafapnoe feststellen. Dass meine Nase nachts aufgrund einer Hausstaubmilbenallergie regelmäßig zuschwillt – so sehr, dass mein Mann manchmal glaubt, ich würde ersticken – wollte er mit einem Nasenspray lösen. Ein solches benutze ich allerdings seit Jahren, ohne nennenswerten Erfolg. Ich habe Antiallergiker-Bettzeug angeschafft, verschiedene Antischnarchschienen ausprobiert (mein Mann leidet unter der nächtlichen Geräuschkulisse), doch alles blieb weitgehend wirkungslos.

Im August stellte mich die Neurologin auf ein anderes Antidepressivum um, das zugleich präventiv gegen meine chronische Migräne helfen sollte. Seit Jahren habe ich an zehn oder mehr Tagen im Monat so starke Migräneanfälle, dass mir oft nur noch Rizatriptan hilft. Dieses Medikament darf man jedoch nicht zu häufig einnehmen, da es sonst selbst zum Auslöser werden kann. Ohne halte ich diese Tage kaum aus: Ich liege dann im dunklen Schlafzimmer und bin unfähig, an irgendeiner Form von Sozialleben teilzunehmen.

Meine Gynäkologin vermutet zudem, dass ich bereits in den Wechseljahren bin. An meinem Geburtstag ließ ich mir das Hormonstäbchen aus dem Arm entfernen – die drei Jahre waren ohnehin um. Nach einigen Monaten wird sich zeigen, wie es um meinen Hormonhaushalt tatsächlich steht.

Ich weiß nicht, ob es am Älterwerden liegt oder an der vielen Zeit zu Hause, aber ich habe viel nachgedacht. Darüber, warum ich so bin, wie ich bin. Warum ich es immer allen recht machen möchte – besonders den Menschen, die ich mag oder die mir vorgesetzt sind. Ständig begleitet mich das Gefühl, nicht gut genug zu sein, die Kontrolle zu verlieren, und dann falle ich in dieses tiefe, dunkle Loch. Gleichzeitig habe ich große Schwierigkeiten damit, wenn mir jemand etwas aufzwingen will, das ich nicht möchte oder nicht nachvollziehen kann. Dann sperrt sich etwas so heftig in mir, dass ich regelrecht in eine innere Schockstarre verfalle.

In solchen Momenten drängen sich Erinnerungen aus meiner Kindheit auf – Dinge, die ich vergessen möchte, aber nicht kann. Situationen, die mir als Kind seltsam vorkamen, die ich jedoch für „normal“ hielt. Manchmal frage ich mich, ob ich einfach jemanden verantwortlich machen möchte für all die Brüche und Verletzungen in mir. Und wer wäre dafür naheliegender als meine Eltern, die nicht mehr leben und mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin.

Ich bin in einem alkoholkranken Haushalt aufgewachsen, der nicht frei von Gewalt war. Aber er war auch nicht frei von unangemessener Nähe, um es vorsichtig auszudrücken. Vernachlässigung spielte ebenfalls eine große Rolle. Meine Eltern waren häufig zu sehr mit sich selbst und ihren Bedürfnissen beschäftigt, um sich um meine zu kümmern. Auch dann nicht, als sie erfuhren, dass mich ein fremder Mann auf der Straße angesprochen, in einen Garten gelockt und missbraucht hatte. Sie haben nichts getan.

Nichts.

Heute weiß ich, was das mit einem Mädchen macht, das zur Frau heranwächst und versucht, ein solches Trauma allein zu bewältigen. Ich war oft allein. Sehr allein.

Meine Schwestern sagen manchmal Dinge wie: „Du warst das Nesthäkchen“ oder „Du warst Papas Liebling“. Was sie dabei nicht sehen: Ich war auch allein, wenn meine Eltern am Wochenende wieder beschlossen, ihre Abende in Kneipen zu verbringen. Geld für einen Babysitter gab es angeblich nicht. Stattdessen lag ein Zettel mit der Telefonnummer der Kneipe neben dem Telefon. Das hat meine Angst nicht gemildert. Monster unter dem Bett waren für mich sehr real – und ich war allein mit ihnen.

Vielleicht erklärt das, warum ich meine eigenen Kinder nie allein gelassen habe. Einmal bin ich abends um zehn oder elf Uhr noch zum Zigarettenautomaten gerannt, der keine hundert Meter entfernt war. Ich bin wirklich gerannt, weil ich nicht wollte, dass mein Sohn aufwacht und sich allein fühlt. Außerdem hatte ich das große Glück, liebe Freundinnen zu haben, die hin und wieder aufgepasst haben, damit ich mit meinem Mann einen romantischen Abend verbringen konnte. Warum meine Eltern das nicht für mich organisiert haben, werde ich wohl nie verstehen.

So ausschweifend wollte ich eigentlich gar nicht werden. Vielleicht liest das hier ohnehin niemand. Aber offenbar musste es einmal gesagt werden.

Die Umstellung von Mirtazapin auf Amitriptylin habe ich leider nicht gut vertragen. Wusstet ihr, dass Suizidgedanken eine mögliche Nebenwirkung von Antidepressiva sein können? Ich wusste es nicht – bis meine Depressionen sich erneut schleichend über mich legten und diese Stimmen in meinem Kopf auftauchten. Stimmen, die mir einredeten, meine Familie wäre ohne mich besser dran. Dass ich nichts tauge, weil ich nicht einmal in der Lage bin, meinen Job auszuüben. Dass ich mir keine Gedanken mehr darüber machen müsste, ob der Missbrauch wirklich nur einmal geschah oder vielleicht häufiger – womöglich sogar im Schlaf. Und durch Menschen, die mir eigentlich Schutz hätten geben müssen.

Ich begann zu überlegen, welche Tabletten in meinem Schrank wohl am wirkungsvollsten wären, wenn man sie hochdosiert kombiniert. Und da war auch noch der Gedanke an eine „Spritztour“ mit dem kleinen Auto.

An einem Montag ging ich zu meiner Hausärztin – psychologische oder psychiatrische Hilfe ist als Kassenpatientin derzeit kaum zu bekommen – und habe ihr meine Gedanken offen und ungeschönt geschildert. In Absprache mit der Neurologin wechselte ich sofort zurück zu Mirtazapin.

Die gute Nachricht: Am 29. Dezember gehe ich in Reha nach Bad Liebenzell. Ich hoffe sehr, dass ich diesmal nicht – wie vor zwei Jahren – frühzeitig abbrechen muss.

Wie James Stewart in *Ist das Leben nicht schön* sagt: „Ich will leben!“

Ich weiß noch nicht, ob ich jeden Aspekt meiner Kindheit vollständig aufarbeiten möchte. Aber ich beginne, mich selbst besser zu verstehen. Ich weiß inzwischen, woher meine große Angst vor dem Verlassenwerden kommt. Und ich weiß, warum ich mich nicht nötigen lasse – in keiner Beziehung. Mein Körper sendet deutliche Signale. Ich muss lernen, sie ernst zu nehmen und nicht länger zu ignorieren.

Was mir derzeit hilft, die Stimmungstiefs zu überstehen, sind die offene Kommunikation mit meiner Familie, diese besondere Jahreszeit – und die Hoffnung auf Unterstützung durch die Reha.

In diesem Sinne verabschiede ich mich vorerst und wünsche euch von Herzen frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert