Ich wünsche euch von Herzen ein frohes und vor allem gesundes neues Jahr. Ich hoffe sehr, ihr seid gut und sanft hineingerutscht.
Für mich war es ein eher stilles, fast schon einsames Silvester, denn ich verbringe diese Zeit in der Reha in Bad Liebenzell. Mein Liebster hatte Nachtschicht, und meinen Jungs wollte ich nicht das Gefühl geben, mir verpflichtet zu sein. Trotzdem: Ich will nicht klagen. Mein Zimmer schenkt mir einen traumhaften Blick auf die Stadt unterhalb der Klinik, und so konnte ich das Feuerwerk ganz für mich betrachten – leuchtende Farben am Himmel, während es in mir eher ruhig war.
Seit Montag bin ich nun hier, und kaum angekommen, hat mich ab Dienstag leider wieder die Migräne erwischt. Trotzdem nehme ich an den Therapien teil, denn genau dafür bin ich hier. Es kostet mich manchmal Kraft, aber ich weiß, dass jeder kleine Schritt zählt. Das Essen ist… sagen wir: funktional. Vielleicht hilft es mir wenigstens dabei, ein paar Kilos loszuwerden. Denn obwohl ich mich täglich bewege, zeigt mir die Waage inzwischen fast 90 Kilo an – besonders mein Bauch erinnert mich täglich daran.
Gestern Abend habe ich auf YouTube ein Video gesehen, das in mir etwas bewegt hat. Es ging um die Wechseljahre. Ein Thema, das ich lange beiseitegeschoben habe. Das Video hat mich überraschend beruhigt und gleichzeitig viele Fragen beantwortet, die mich in den letzten Monaten verunsichert haben. Ich habe danach einen Fragebogen ausgefüllt und wirklich ehrlich in mich hineingehorcht. Das Ergebnis war klar: Ich stecke wohl mitten in den Wechseljahren. Die endgültige Bestätigung meiner Gynäkologin steht noch aus, aber sie wird erst nach der Reha folgen.
Plötzlich ergab so vieles Sinn. Dass ich nicht einfach grundlos zugenommen habe. Dass meine Gelenke öfter schmerzen. Dass meine Stimmung schwankt, ich schlecht schlafe und mich Hitzewallungen überfallen. Mit 47 hätte ich vielleicht damit rechnen müssen – und doch fühlte ich mich bis vor Kurzem noch nicht „so alt“. Nun weiß ich: Ich bin dem nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt Wege, etwas zu verändern. Und ich habe mir fest vorgenommen, diese zu gehen. Ich möchte mich wieder wohlfühlen in meinem Körper. Und vielleicht auch wieder ein bisschen mehr ich selbst sein – ausgeglichener, sanfter, weniger gereizt. 😉
Die Wechseljahre sind ganz sicher ein wichtiger Grund dafür, warum ich erneut in dieses tiefe Loch gerutscht bin. Doch sie sind nicht allein. Der dauerhafte Stress im Job, das Gefühl, nicht gesehen und nicht wertgeschätzt zu werden, und viele weitere Belastungen am Arbeitsplatz haben ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Deshalb reift in mir erneut der Entschluss, beruflich einen neuen Weg einzuschlagen. In ein weiteres Seniorenheim möchte ich jedoch nicht mehr zurück. Der Personalmangel ist dort allgegenwärtig – genauso wie in Kliniken und Arztpraxen.
Mein Wunsch ist es, wieder zu Kräften zu kommen und dann entweder als angestellte MFA bei einem Betriebsarzt zu arbeiten oder mich als kosmetische Fußpflegerin selbstständig zu machen. Der Gedanke daran fühlt sich befreiend an: mein eigener Boss zu sein, keine sinnlosen Schichten, keine zerrissenen Arbeitszeiten ohne Pausen – und keine Kollegen mehr, die meine Gutmütigkeit selbstverständlich nehmen.
Ein weiterer, sehr wichtiger Grund für diese Reha ist die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in meiner Kindheit. Ich spüre immer deutlicher, dass alte Erfahrungen mich bis heute beeinflussen. Besonders dann, wenn ich mich unter Druck gesetzt oder genötigt fühle – und diese Nötigung muss nicht körperlich oder sexuell sein. In solchen Situationen baut sich in mir eine innere Anspannung auf, die sich irgendwann ihren Weg sucht: durch Schmerzen, Erschöpfung oder Rückzug. Das möchte ich nicht länger hinnehmen.
Es gibt so vieles aus meiner Kindheit, an das ich mich nur bruchstückhaft erinnere. Dinge, die für mich als Ehefrau und Mutter kaum begreiflich sind. Auch innerhalb der Familie gab es Erlebnisse, die noch immer nachwirken. Sechs Wochen werden nicht ausreichen, um all das aufzuarbeiten. Aber vielleicht reichen sie, um besser zu verstehen, warum ich bin, wie ich bin – und welche Schutzmechanismen ich mir einst angeeignet habe. Auf Details möchte ich hier bewusst verzichten. Ich hoffe, ihr habt dafür Verständnis.
Die erste Woche in der Reha neigt sich nun dem Ende zu. An zwei Tagen gab es keine Therapien, was ich ehrlich gesagt etwas enttäuschend fand. Ich hoffe sehr, dass die kommende Woche intensiver wird. Bis dahin tue ich das, was mir guttut: Ich bewege mich, gehe an die frische Luft, höre auf meinen Körper – und versuche, mit vorsichtiger Zuversicht ins neue Jahr zu blicken.
