Vom 29. Dezember bis zum 7. Februar war ich in Bad Liebenzell zur psychosomatischen Reha – und auch wenn diese Wochen alles andere als leicht waren, kann ich heute sagen: Es hat sich gelohnt. Ich nehme einige wertvolle Impulse mit nach Hause, Gedankenanstöße, kleine Werkzeuge für den Alltag und vor allem das Gefühl, einen ersten wichtigen Schritt gemacht zu haben.
Die psychologischen Therapien hielten sich vom Umfang her zwar in Grenzen, waren aber inhaltlich gut und hilfreich. Manche Gespräche haben mehr angestoßen, als mir zunächst bewusst war. Besonders positiv in Erinnerung geblieben ist mir das gesamte Team: Ärzte, Therapeuten, Physiologen – alle waren ausnahmslos freundlich, respektvoll und bemüht. Ich habe mich ernst genommen gefühlt, und das ist gerade in einer solchen Phase unbezahlbar.
Die Klinik selbst ist sichtbar in die Jahre gekommen und hier und da renovierungsbedürftig. Dennoch wirkte alles gepflegt und ordentlich. Es hatte etwas Bodenständiges, vielleicht sogar Beruhigendes – kein Hochglanz, sondern ein Ort, an dem gearbeitet wird.
Auch das Essen war besser als erwartet. Bis auf wenige Ausnahmen hat es mir gut geschmeckt. Besonders das Frühstücks- und Abendbuffet bot eine tolle Auswahl. Abends habe ich meist einen Diät-Shake gewählt, weil es für mich einfach stimmiger war. Insgesamt habe ich während der Reha drei Kilo abgenommen. Bis zu meinem Wunschgewicht ist es noch ein Stück Weg, aber ich bin motiviert, dranzubleiben – nicht aus Druck heraus, sondern weil ich meinem Körper etwas Gutes tun möchte.
Was mir besonders gutgetan hat, war der tägliche Sport. Bewegung war fester Bestandteil des Therapieplans – und ich habe gemerkt, wie sehr sie mir hilft, sowohl körperlich als auch mental. Dieses Gefühl von Aktivität und Selbstwirksamkeit möchte ich unbedingt mit in meinen Alltag nehmen. Ich weiß, dass es zuhause schwieriger wird, feste Strukturen einzuhalten, aber ich will es versuchen.
Arbeitsfähig bin ich derzeit allerdings noch nicht. Und auch wenn ein Teil von mir sich wünscht, „einfach wieder zu funktionieren“, weiß ich, dass das nicht realistisch ist. Der behandelnde Psychiater sagte an meinem letzten Tag einen Satz zu mir, den ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufe: Ich soll mich nicht unter Druck setzen lassen. Kein äußerer Druck – und vor allem kein innerer. Das versuche ich zu beherzigen, auch wenn es mir nicht immer leichtfällt.
Seit einigen Monaten holen mich verstärkt Erinnerungen an meine Kindheit ein. Ich bin in einem Alkoholiker-Haushalt aufgewachsen und habe als Kind sexuellen Missbrauch erlebt. Dinge, die ich lange irgendwie „weggesteckt“ habe, drängen nun an die Oberfläche. Und ich merke, wie sehr diese Erfahrungen mein heutiges Leben beeinflussen – nicht nur in Bezug auf meine Arbeitsfähigkeit, sondern in vielen Bereichen meines Alltags, meiner Beziehungen, meines Selbstbildes.
Umso dankbarer bin ich für die Menschen an meiner Seite. Mein Mann, meine Kinder und meine Schwestern stehen mir bei, so gut sie können. Ihre Geduld, ihr Verständnis und ihre Liebe geben mir Halt – auch an den Tagen, an denen ich selbst kaum welchen finde. Dafür empfinde ich eine tiefe, ehrliche Dankbarkeit.
Was mich ganz besonders hoffnungsvoll stimmt: Nach fast vier Jahren vergeblicher Suche habe ich endlich eine Psychiaterin gefunden. Allein das fühlt sich an wie ein kleines Wunder. Mit ihr möchte ich meine Vergangenheit Stück für Stück aufarbeiten. Es wird sicher kein schneller oder einfacher Prozess, aber ich habe das Gefühl, endlich die richtige Unterstützung gefunden zu haben.
Mein Wunsch ist es, irgendwann wieder ohne Antidepressivum durch den Alltag gehen zu können. Wieder arbeiten zu können. Wieder mehr Leichtigkeit zu spüren. Gleichzeitig weiß ich, dass Heilung kein Sprint ist, sondern ein langer Weg mit Umwegen, Pausen und Rückschritten.
Aber ich gehe ihn. Schritt für Schritt. Und im Moment ist das genug.
