Fanfiction-Archive damals und heute

Wer so lange im Internet unterwegs ist wie ich, kann sich bestimmt noch an damals erinnern. Damals war nicht zwingend alles besser – oh nein – aber manches durchaus. So erinnere ich mich zum Beispiel liebevoll an meine ersten zarten Gehversuche im Internet zurück, als noch andere Suchmaschinen relevant waren und Begriffe wie ‘googeln’ fremd waren. Heute findet man nahezu alles über Google – sofern man sich an die neuen HTML-Standards hält. Google hat nämlich im Lauf der Jahre so manche Regel aufgestellt, an die sich Website-Betreiber halten sollten, ansonsten tauchen ihre ach so wertvolles Websites irgendwann nämlich einfach nicht mehr über Google auf. Da helfen notfalls jedoch andere Suchmaschinen aus – und ja, es gibt sie noch. 😉

Besonders gut erinnere ich mich an eine Akte-X Fansite, die damals DIE Anlaufstelle war, wenn man sich mit Gleichgesinnten austauschen wollte. http://txf.net war die kurze und prägnante URL, die wohl so ziemlich jedem Akte-X Fan, der schon einige Jahre im Internet unterwegs ist, ein Begriff sein dürfte. Dort entdeckte ich das Phänomen der Akte-X Fanfictions und fand über das Forum dort auch Fanfiction Archive wie Dana Ds Home, Kristins Heaven, The Truth und viele weitere. 20 Jahre nach dieser umwerfenden Zeit gibt es nur noch zwei Archive, von weit mehr als einem Duzend. Das eine ist Dana Ds Home, das mit dem Serien-Revival ebenfalls wieder ins Leben gerufen wurde, und mein Archiv World of X, das auf dem eFiction Script basiert.

Im Star Trek Fandom hat sich Vergleichbares zugetragen. Allerdings gab es längst nicht zu jedem Star Trek Spin-Off ein eigenes Archiv. Voyager hat jedoch einige kleinere Fanfiction Archive ins Leben gerufen, doch auch von denen ist inzwischen keines mehr über Google auffindbar. TrekNation scheint auch hier wieder die letzte Anlaufstelle für echte Trekkies zu sein. Und auch dieses Archiv basiert auf eFiction.

Mehr und mehr kleine Archive machen dicht, da die Betreiber immer weniger Lust haben sich gegen die großen Archive (ff.net, ao3.org und ff.de) zur Wehr zur setzen. Autoren und Leser gleichermaßen bei der Stange zu halten, kann ein durchaus anstrengendes Unterfangen sein. Meiner Erfahrung nach haben sich die Autoren und Leser allerdings auch stark verändert. Man merkt den Leuten von damals an, dass sie anders ticken. 20 Jahre sind eine lange Zeit. Eine neue Generation von Hobby-Autoren und Lesern ist herangewachsen. Allerdings fühle ich mich mit den Neuerungen relativ unwohl, muss ich ehrlich gestehen. Auf ff.net und ao3.org haben es deutsche Fanfictions schwer, in der gewaltigen Masse an englischsprachigen Fanfics nicht unterzugehen. Suchfunktionen sind gut und schön, aber wenn man sich mal nur die Zahlen ansieht, kann einem als deutschem Autor schon mal übel werden.

Archive of our own

The X-Files: 17 279 Fanfics insgesamt, davon sind gerade mal 31 deutschsprachige Fanfics.
Star Trek: 65 827 insgesamt, wovon 399 deutschsprachige Fanfics sind.

Fanfiction (net)

The X-Files: 11 600 insgesamt, und nur 79 sind deutschsprachige Fanfics.
Star Trek: 42 180 insgesamt, davon sind 330 deutschsprachige Fanfics.

Fanfiktion (de) bietet ausschließlich deutsche Fanfics an und kommt immerhin auf 2398 Star Trek und gerade mal 186 Akte-X Fanfictions.
Selbstverständlich haben sich Schwerpunkte verlagert, ff.de ist riesig, keine Frage!

Wenn man als Fanfiction Autor jedoch nicht in einem der Massen-Multi-Archive versumpfen will, die keinen gesteigerten Wert auf Qualität legen oder in denen englischsprachige Texte dominieren, steht man inzwischen ziemlich dumm da. Früher gab es kleine, liebevolle Archive, oftmals auf ein Pairing oder ein Fandom beschränkt. Doch woran liegt es letzten Endes, dass so viele individuelle Klein-Archive über die Jahre aus dem Internet verschwanden?

Zum einen ist natürlich das rückläufige Hosting schuld. Betreiber wie Lycos, Crosswinds, Geocities, Arcor und viele andere, auf denen früher die kleineren Archive zu finden waren, haben schlichtweg ihre Dienste eingestellt.
Zum anderen sind mit Sicherheit die großen Archive schuld. Warum seine Sachen in zig einzelnen Archiven veröffentlichen, wenn man alles auf einer Plattform haben kann? Auch mich hat das immer wieder gereizt, kann ich euch sagen. In meinen 20 Jahren, die ich nun Hobby-Autorin bin, habe ich rund 250 Geschichten zu diversen Fandoms verfasst. Auf der einen Seite wäre es schön, wenn ich alle meine Fanfics in einem Archiv wüsste. Aber ich sage euch, warum ich mich bisher nicht dafür entscheiden konnte. Auf ff.net ist es mir schlichtweg zu unübersichtlich, das Script zu altmodisch und meine Geschichten gehen in der Masse englischer Fanfics unter. Auf ff.de, der einzigen halbwegs brauchbaren deutschen Multi-Fandom Plattform, geht mir die blinkende Werbung auf den Keks, die allgemeinen Ristriktionen (Einschränkung bzgl. Genre-Auswahl, keine vernünftige Suchfunktion etc.) und vor allem steht dort Masse über Klasse. Dazu an anderer Stelle gerne mehr. Zu guter letzt ist da noch AO3, definitiv meine liebste Wahl. Dort ist es komfortabel eigene Geschichten einzustellen, man hat einige tolle Features, die sonst bisher kein Archiv bietet (Sammlungen anlegen, Unterscheidung zwischen Favoriten und Bookmarks, solide Suchfunktion!), aber auch hier geht man als Autor deutscher Geschichten in der Masse unter.

Da ist es doch nicht weiter verwunderlich, dass ich mich in meinen eigenen Archiven TrekNation und World of X immer noch am wohlsten fühle, oder? Gerne wird mir vorgeworfen (vor allem von Autoren, die von ff.de kommen), dass ich elitär sei und viel zu strenge Regeln hätte. Vielleicht bin ich für manche auch eine Art Grammar-Nazi, wer weiß. Immer wieder hinterfrage ich meine Entscheidungen, wenn ich mal wieder die Geschichte eines offenkundigen Neulings abgelehnt habe, weil die Rechtschreibung und Grammatik mir schlichtweg Tränen in die Augen treiben. Fakt ist leider, dass gerade Neulinge fast nie zugänglich für Kritik sind. Sie haben auch oftmals keine Intention sich in irgendeiner Form zu verbessern. Sie wollen ihre (am besten am Handy!) abgetippten Ergüsse möglichst schnell unter die Leute bringen und haben dann auch noch die Unverfrorenheit Lob zu erwarten. Das mag auf ff.de funktionieren, nicht jedoch unter meinen Domains. Ich bezahle für den Webspace, ich bestimme was in meinen Archiven veröffentlicht wird und was nicht. So einfach ist das.
Die Autoren, die in meinen Archiven veröffentlichen (und einige sind seit Anfang an dabei) wissen die Qualitätskontrollen zu schätzen. Denn sie garantieren, dass das Niveau der Archive nicht irgendwann auf den Nullpunkt sinkt – oder gar tiefer. Ich habe nichts gegen Neulinge, auch ich habe mal bescheiden angefangen. Aber ich war offen für Kritik. Früher kam man am Archivar gar nicht vorbei. Man musste die Geschichten in Word oder einem vergleichbaren Format via eMail einsenden, dann wurde es betagelesen und zur Überarbeitung zurückgeschickt und erst DANN ging das Werk bei einem Update des Archivs (damals selten über ein Script, sondern per HTML) online. Kudos, Likes etc. gab es nicht. Mochte man ein Werk oder einen Autor, so schrieb man eine eMail und hatte direkten Kontakt. DAS war noch was. Heute wird schnell konsumiert. Wenn man als Autor Glück hat, bekommt man Kudos oder Likes und hin und wieder sogar Reviews, aber die meisten Leser geben kaum noch Rückmeldungen. Es ist eine Konsumgeneration herangewachsen, die nicht nur von Fandom zu Fandom springt, sondern auch von Plattform zu Plattform. Gestern war es noch Livejournal, dann kamen Tumblr und Instagramm. Wer blickt da noch durch?

Mir tut die heutige Generation von Fanfic-Autoren teilweise leid. Sie wissen gar nicht, wie das damals war. Was für umwerfende und wirklich enge Freundschaften aus diesen ‘Feedback-Mails’ entstanden sind.

Vielleicht fragt ihr euch, worauf ich mit diesem Artikel hinaus will. Auf gar nichts. Ich wollte einfach nur mal meine Gedanken zum Wandel der Fanfic-Szene loswerden und mal einen kleinen Vergleich anstellen, um für mich zu bestätigen, was ich ohnehin vermutet habe: Es ist gut, dass ich meine Archive nicht aufgebe. Und wer seine Geschichten in einem qualitativ guten Umfeld sehen möchte und zu Akte-X oder Star Trek schreibt, ist mir herzlich willkommen!

4 Comments

  1. So viele schöne Erinnerungen zum Osterwochenende – danke dafür. ^.^
    So mancher früher so einschlägige Name, den heute kein Mensch mehr kennt, hat mir ein Wehmutsseufzen entlockt. Gewiss war früher nicht alles besser, aber eins war’s im Vergleich zu heute: deutlich entschleunigt. Es gab kein Überangebot an TV-Sendern und Streaming-Diensten, kein Drang, quasi jeden Monat ein neues Fandom zu haben, nur um ja nichts zu verpassen, was die Medien bieten … man hatte mehr Raum, sich auf eine Sache, die man gefeiert hat, zu konzentrieren. Ich glaube, dass auch deshalb mehr engere Kontakte und Freundschaften entstanden sind. Der Zeitdruck war ein anderer, Momos „grauen Herren“ noch keine Omnipräsenz in der Medienlandschaft. Es gibt ja heute auch keine Langeweile mehr – positive Langeweile, die dazu bewegt, Briefe und Mails zu schreiben, und zwar mit Genuss, da die Beschäftigung gut tut und die Freude über eine Rückmeldung groß ist. Heute sitzt man viel zu oft vor dem Schirm und hat diesen Gedanken: „Ich könnte dazu jetzt was schreiben, aber in der Zeit könnte ich auch dies oder das gucken/lesen/machen, sonst verpass ich was/weil ich muss doch/ich hab doch keine Zeit!“ Wir sind überfordert mit Möglichkeiten, unser Gehirn im Dauerreizstrom, und wir kommen einfach nicht zur Ruhe. Dem gegenüber steht der individuelle Hunger nach Aufmerksamkeit und Anerkennung durch andere, die aber genauso gehetzt durch den Alltag rauschen wie wir – mit dem Ergebnis, dass zu viele frustriert nebeneinander her leben und Glücksgefühle zunehmend rarer werden.
    Nein, früher war nicht alles besser. Die Technik war nicht besser. Das Angebot war nicht besser. Aber die Gelassenheit, die uns diese eingeschränkten Möglichkeiten aufgezwängt haben, die war es.
    Es ist Zeit für mehr „leichtes Gepäck“, wie es in diesem einen Lied so schön heißt – und dafür auch für mehr Zeit für uns, unsere Hobbys und das Privileg, sich damit wohl und zufrieden zu fühlen.

    Frohe Ostern! ^.^

  2. Wie recht du hast, Sev! Von einem Fandom zum nächsten zu jagen ist inzwischen wirklich Standard. Damals haben wir eine Serien-Episode pro Woche gesehen und volle sieben Tage Zeit gehabt uns das Geschehene durch den Kopf gehen zu lassen. Wie viele Fanfics sind in diesen wertvollen 7 Tagen zwischen den Episoden entstanden?
    Heute haben wir Streamingdienste, die uns zwar die Freiheit geben uns das Programm anzusehen, wann wir wollen bzw. zeitlich können, dafür haben wir oftmals aber auch diese Zeitabstände zwischen den Episoden nicht mehr. Speziell nicht bei etwas älteren Serien. Und darunter leidet die Kreativität der Autoren, meiner Ansicht nach.

    In Zeiten, in denen von einer Plattform zur nächsten geflohen wird, weil aus irgendwelchen lächerlichen Gründen z. B. plötzlich keine Geschichten ab 18 Jahren mehr erlaubt sind (ff.net), oder Fanarts als vermeindliche Kinderpornografie identifiziert und gesperrt wird, dabei ist das Art womöglich weder pornografisch noch sonst wie anrüchig. Die Freiheit der Künstler, egal ob Schreiber oder Grafiker wird zunehmend kastriert. Noch vor 10 Jahren war Livejournal DIE Anlaufstelle für jede Art von Fankunst. Dann wurde LJ an die Russen verkauft und homophob wie diese sind wurden pauschal mal zig Slash Fanfic und Art Journals gelöscht. Einfach so, zack bumm, waren sie weg!
    Mit Tumblr geht es jetzt auch los. Angst vor Kinderpornografie ist die Rechtfertigung für Software, die gewisse Tags und Bilder, auf denen ‘Haut’ zu sehen ist, sperrt und unzugänglich macht. Und wer leidet erneut darunter? Richtig, die Fans und ihre Kunstwerke.

    Sicher, auf AO3 und ff.de gibt es keine derartigen Einschränkungen. Das muss man ihnen zugutehalten, der Preis ist dafür jedoch die Einbuse an Individualität. Wie gerne habe ich früher die kleinen Fanfic-Archive und Artfolios besucht, die einen immer mal wieder mit einem frischen Layout und vielen neuen Geschichten oder Fanarts überraschen konnten. Man konnte stundenlang herumsurfen, hinterließ hier und da einen Eintrag in Gästebüchern, Foren und Shoutboxen.

    Manchmal sitze ich vor meinem PC und will herumsurfen und stöbern und stelle nach 5 Minuten fest, dass ich bereits all meine verbliebenen Links durchgeklickt und nichts Neues gefunden habe.

    Es sind ja nicht nur die Fanfic-Archive verschwunden, sondern auch die Artfolios. Das macht mich ganz traurig. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass dieses aufblühende Fandasein keine zwei Jahrzehnte andauern würde?

    Ich hege ja so ein bisschen die Hoffnung, dass durch die Ristriktionen in gewissen Archiven und dem Mangel an Individualität und Freiheit in den Social Networks die Fans zurück zu ihren Wurzeln finden und wieder kleine Archive aufmachen, für jedwede Art von Fankunst.

  3. Hi,
    I read your article with google translator, so sorry if I misunderstood something. We run self-hosted archive of Czech/Slovak translantion of Harry Potter stories for more than 10 years on some old Nuke fork. I had to became php programmer to be able maintain so old software nowadays. I didn’t know about efiction at that time.

    I think that lack of self-hosted archives is because outdated software and CMS they used. When hosting provider changed php settings to PHP 7, many of older sites stopped to work. It’s so sad when you are going over your list of archives or stories and almost on each one you get not available error. dramione.org for example. The biggest archive for Czech/Slovak original fanfiction ended because one of old admin just dissapeared and he didn’t paid for domain/hosting. When other admins didn’t have knowleadge what is mean to run selfhosted solution… They are trying to revive it, but it will take time.

    New generation is too lazy (not in bad meaning), but they are used to get everything in short time. They will not spend weeks, months to learning web basics to run their own site. And build one-click install solution is very hard with so quickly changing technology. It’s rare to find fanfiction lover with programing combination skills. And readers are not able to appreciate what you are doing for them, it’s sometimes so hard to continue.

    So shortly, we will continue. In name old good times. With motto Back to classics. My main mission is save that old site for next 10 years. We build community that changed to personal friendships, so it has to continue. My secondary mission is find to alternative, that I found with efiction ideas and power of e107 CMS.

    By the way, efiction was originally PHPNuke module, PHPNuke was fork of old e107 CMS and I am familiar of Czech fork of PHPNuke and new version of e107 CMS. So now left just to combine this everything to solution for us 🙂

    • Hey Jimmi,

      it’s a very good thing to keep old archives up and running, but it can be a lot of work. I know that, because I’m one of the last maintainer of classic fanfic archives in Germany.
      EFiction is still running – without PHP-Nuke, which I never used – but it has it’s bugs. My husband tries to fix and update the script, but it’s a hobby for him not a job (he’s got one^^) and it takes a lot of time and effort to create a new script.

      The old EFiction-Forum is full of spam-registrations. That is why it’s hard to find the 1 one real person between a couple of thousands each day. Sorry for that!

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